Tee - und Kafeehaus im Style spätsozialistischer Bescheidenheit

Veröffentlicht am 16:09, 02/12,2010

Unser Tee- und Kaffeehaus befindet sich in der Kleinen Ulrichstraße 27, der Szenemeile Halles. Hier reiht sich eine Bar an die andere. Das Besondere am Roten Horizont ist das Interieur: eine Mischung aus spätsozialistischer Bescheidenheit und Flughafenterminal. Dazu passt das Gemälde, das dem Tee- und Kaffeehaus seinen Namen gab.

 

Moskau 1971-72. Erik Bulatovs Bild Roter Horizont

Das Bild zeigt eine Strandlandschaft mit Dünen, blauem Meer, badenden Menschen und blauem Himmel. Eine Gruppe von drei Frauen und zwei Männern schreitet unbeschwert in Richtung des Horizontes, den Bulatov jedoch durch eine flache suprematistische Form ersetzt hat. Bei genauerer Betrachtung erweist sich die Form als Band des Lenin-Ordens.

Bulatov selbst zählt zu den russischen Postutopismus, einer Künstlergruppe, die auch der sogenannten Soz-Art der 1970er und 1980er Jahre zugeordnet werden kann. Wobei zu betonen ist, dass es dem Postutopismus nicht um die Kritik des modernen Fortschritts geht (was essentiell ein Zug der Anti-Moderne wäre), sondern „um die Reflexion der utopischen Versuche, diesen aufzuhalten und zu einem Ende zu bringen“.

 

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Kuschlige Teestubengemütlichkeit (trotz Weihnachtsbaum) wird man hier vermissen. Aber darum  ging es auch nicht, als 2003 sich der Rote Horizont in der Kleinen Ulrichstraße platzierte 

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Eine klare und strenge Linienführung  bestimmt das Innendesign 


 

wir im winter

Veröffentlicht am 16:21, 02/10,2010

Trotz aller winterlichen Pein:In diesen Räumen sitzt sichs bequemer als irgendwo anders zuvor.Alles ist hier viel angenehmer.Wir haben das leises Summen fürs Ohr. FREE HOSPITAL alias POTEMKIN und ROTER HORIZONT. Kleine Ulrichstraße 27, Halle /Saale

wir im winter

 


,,,und häten wir nicht die klimakatastrophe im land, wären auch wir bis zum dach zugeweht, ...wird trotzdem zeit, dass die zuständgen Behörden die winterliche drogenproduktion nicht nur einstellen, sondern auch grundsätzlich verbieten..

 

 

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WIR SIND NICHT GANZ ANDERS ALS ALL DIE ANDEREN

Veröffentlicht am 11:27, 02/10,2010

Seit es in dieser Stadt in der Mehrzahl  nur noch potemkinsche Dörfer gibt, die sich dem Namen nach  ganz anders bezeichnen und die kulturelle  Szene der Saalemetropole ausmachen wollen, fühlen wir uns gezwungen, als Spiegel dieser Verelendung den Namen POTEMKIN in Würde zu tragen. Wir stehen zum unserem Betrug! Wir sind nicht die Wirklichkeit und bei uns findet aus keine Wirklichkeit statt! Und auch wenn es nicht so aussehen sollten, außer Personal, Angebot, Preisen und Ausstattung ist hier fast alles gefakt.   Selbst unser zentrales Motiv, das im Zentrum der Raumes befindliche Bild "DER ROTE HORIZONT" von  Erik Bulatov wurde von einem stadtbekannten Künstler nachgemalt, weil das Orginal unser  Konzept grundsätzlich verfälscht hätte. Trotzdem und gerade deshalb wollen auch wir authentisch sein in dem, was hier jedem Besucher als Schein- oder Gegenwelt präsentiert wird!  Verschwenderische Dekadenz und ein dem Augenblick geschuldeter  Hedonismus sind uns lieber als gastronomische Massenproduktion; Tradition, Kunst und Kultur Schrittmacher für die Individualität und das Besondere unserer Angebote. Klassische Cocktails,  Kaffeespezialitäten und  alle Teesorten der Welt, das POTEMKIN und der ROTE HORIZONT bieten jedem Besucher die notwendigen Akkumulatoren für einen temporären Ausstieg aus dem Wirklichkeitsmaterial unserer Tage. Das wir dabei selbst  zwischen Sein und Schein, Authentizität und Inszenierung schwanken ist eine andere Sache. Wir sind eben auch nicht ganz  anders als all die anderen. Nicht besser, nicht schlechter, vielleicht aber eine Spur orgineller, wenn es daraum geht dem Namen POTEMKIN - in seiner unverklärten Bedeutung-  gerecht zu werden.

PS: Das Potemkin kein Hochstapler war, sondern eine außerordentliche Persönlichkeit mit unschätzbaren Verdiensten beweist folgender Link: 

http://bit.ly/9symVS


 

Das kalte Herz I (1998)

Veröffentlicht am 23:37, 02/09,2010

Erster Teil 

Sarkastisches Lächeln zerreißt die Torheit erinnerter Tage. Ich erhebe mich über die Kainsmale einer  Geschichte, die Millionen von Stunden vergehen ließ, eher ich mich anschickte, zunächst den einen oder anderen, dann jeden und schließlich alle über die messbare Zeit hinausgehenden Momente daran zu arbeiteten, mich aus dem Sog eigener Folgenlosigkeit zu befreien.  Eine seltsame Spannung wohnt seit dem  in meiner Brust. Eine Energie, die mich  immer weiter treibt, rastlos vorwärts in die richtige Richtung. So gesehen, gleite ich in einer klebrigen Masse aus Mensch durch die dünnen Episoden meiner  Geschichte und bin doch  nichts anderes als ein Vorzeigemodell, ein trunkenes Schiff, das selbst in einer Pissrinne schlingernd die Geschwindigkeit der Strömung standhalten kann. Sich jetzt noch einmal umdrehen ist zwecklos. Die  Erinnerung müsste sich  verschließen, so wie ein Vorhang aus Nebel das Licht des Leuchtturms erstickt und verschließt sich der Sicht  treibender Boote. Ohne reinigenden Regen würde ein Gewitter auffahren  und mir die Augen erblinden von der Blendkraft jener gewaltigen Blitze, die aus dem Licht aller verlorenen gegangenen Leidenschaften besteht. Irrlichter, die weder an Land noch zur See führen und das Treibgut der Unendlichkeit der Gestirne weihen. Und es sind immer nur die kleinen Verspätungen,  als ungeheure  Abweichung von der Norm, die das Wasser abgestanden durch den Ausguss meiner Erinnerung treiben. Als Rückblendungen  massenhaft überstandener Tage, die es nicht Wert waren, Wert sind, die porösen Tränensäcke zu füllen. Ich erspare mir deshalb  das sentimentale Moment einer Drehung und treibe weiter voller Zuversicht und Vertrauen einer Zukunft entgegen, die auch meine Zukunft sein wird.  Ich treibe auf dem Fluss der Zeit, spiele opportun mit den Wellen und weiß: Der Tag wird kommen, da aus dem Unrat von gehörnten Tieren, Schweinen, Kröten, Schlangen und Skorpionen, ein aus dem Muttermund einer Kröte herausgerissenes Embryo die Welt und die Existenz seiner existenzlosen Bewohner bedroht. Erst an diesem denkwürdigen Tag, an dessen Abend die Nacht ohne Ankündigung einfällt, werde ich mich meiner wieder erinnern. 


Ich bin der Leitwolf. Meine Statur ist ungeheuerlich Die Augen sind rot unterlaufen und fahl ist das Gesicht in der Farbe von Asche. Und wer nicht kennen würde mich in  meiner Funktion, könnte meinen, so schlendernd schwankenden Schrittes, wäre ich der Süchtigen Exempel überhaupt und eine von Gott berufene Abschreckung für die bessere, weil biedere Welt der Entsagung. Ich bin ein wildes Tier mit scharfen Zähnen, das sich nebenbei sozial engagiert und seit Wochen schon um sich versammelt  die verlorenen Säufer der kollabierenden  Stadt. Aussätzige, die von meinen Bediensteten  empfangen, lange darauf gewartet haben, sich ihrem Schicksal hier zu ergeben und  jetzt doch erschüttert sind, von den tausend Kilotonnen Propaganda an der Wandung der Anstalt, den gutgemeinten Ratschlägen der Regierung, der Desinfektionsmittelatmossphäre  rettender Täter und Töter, an ihren von Leberleiden verunstalteten Körper und dochwissen, dass ihr Leben hier sein wird, das eines anderen.


 A c h t u h r. Morgenappell.  Die Befehlsstrukturen sind eindeutig. Die angetretene Klientel erwartet die Anweisungen des Tages. Kommandos, die milde ausfallen, da ich leise spreche muss und ohne Volumen den Odem der letzen Nacht mit Pfefferminze kaschiere. Die Losung des Tages ist ein Resultat aus dem Dunstkreis hochprozentiger Getränke, von denen niemand etwas wissen darf. Nicht einmal ich selbst, als der andere jetzt, der die Kommandoebene bedient und sich selbst suggeriert das spartanische einer abstinenten, weil vorbildlichen Funktion für die Dauer des Dienstes. Ich bin der Leitwolf in einem Rudel sozial tätiger Versallen des Staates. Aber nur eine von den vielen, die mir bedingungslos dienen, kennt mein Geheimnis. Sie nennt sich Boa und ist meine Adjutantin. Unter ihrer blonden Mähne habe ich schon vor meiner Berufung gelegen und sie zur Verschwiegenheit verpflichtete. Meine  Gegenleistungen sind rein körperlicher Natur. Ich  gebe ihr den  Raum  zum Transport  ihrer  Phantasien  und wickle ihre Träume ab, die als Perspektive natürlich nicht in Erfüllung gehen und  gerade deshalb ihren göttlichen Leib täglich stärker binden an rohe Schale meiner Verwolfung. Ahnt sie doch nichts vom Tod der Liebenden in meinem Kopf und schon gar nichts von jenem unseligen Tag, als ich dem Holländischen Michel mein Herz eintauschte.  Sie ist eben nur eine Erfüllungsgehilfin im Dienst des Staates und bei mir gefangen in Lohn und Brot. Sie hat einen guten Charakter und kleine feste Brüste und ist auch zur Befriedung der Aussätzigen da, die man ruhig stellen muss und so wie mich, nicht überlassen darf den unrunden Wogen unserer vertrunkenen Tage. Denn auch wir, die in der Anstalt tätigen, sind nicht ganz gesund und selbst nur Kranke unter Kranken. Der Unheilbarste aber unter allen  Unheilbaren, bin ich selbst. Ein Nichts aus der Nichtsagenheit der Schreibstube, ein Emporkömmling der Sozialen Struktur; einer, der sein Kranksein immer verstecken muss. Aufgestiegen in die schlichten Souterrains bürgerlicher Ergrauung,  aus den  Höhlen der Sucht gekrochen, in die er/ ich ohne meinen  Willen geboren wurde, als Sträfling, Knecht und Knechteantreiber dorthin versetzt,  wo er/ ich von erhobenen Zeigefingern verwunschen, nichts anderes sein kann, als das was ich ausmache und  bin TEIL DER GEFRÄSSIGEN MASCHINE: Ich bin ein Geldeintreiber und Verschwender, Parasitenfreund, Feind  und Verräter jeder fest verwurzelten Struktur. Ich bin der Doyen aller  Haltlosen und  von wissenszerstückelnden Propheten genährt, Schüler der Unvollkommenheit als Ganzes. Ich bin ein beschmutzter Weißclown, der durch den Tag tanzt und schlingert vor Schmerz von den Klammern im Maul sein Grinsen nicht mehr lassen kann. Ich bin ein Schauspieler und immer in der Rolle meines Lebens. Ein Akteur, gebunden an die Promiskuität seiner täglichen Opfer, der den Hasen so spielt, wie den zahnlosen Wolf oder den kurzsichtigen Jäger ohne Waffenschein. Ich bin der, der im Dunkeln steht und mit Steinen wirft im gepanzerten Glashaus nach stählernem Wild. Ich bin ein flüchtender Liebhaber und Freund von Gazellen und von den Mondbrüsten der Schamanenbräute, die immer so matt schimmern und noch schwerer zu erlegen sind,  als  die  der Glattlackierten  eingraben meinen Verwuchs  in das durchsichtige Dickicht ihrer klammernden  Schöße. Ich bin der, der am tiefsten abstieg  in die Gewölbe der Eingeweide und als  Pathologe meiner selbst ein Feind von vielen Feinden, die wissen: Dass das Herz hinter Schlössern und Kerkern immer dann bebend  leuchtet,  wenn ich  unter  der Strahlung einer  silbernen Sonne stehe,  mir die  Haut aufweiche, aufwelle, verwunde und von mir lege die Mörderhand, den stumpfen Blick, die Maske der Maske entrissen, dann,  wenn ich mich wieder ertrage, gelehnt an die weißen Fliesen der Zelle und träume nicht mehr zurück in die Anstalt.



 

Blind (2008)

Veröffentlicht am 15:41, 02/09,2010
Ich habe mir dich ausgedacht
Und mit dem Heiligenschein
Meiner Vorstellung versehen,
So wie dich denke, fühle, sehe
Und schmecke Schluck für Schluck
Aus deines Leibes tiefstem Grund
Tinkturen toxischer Natur, bist  du
Eine von Phantasie und Sehnsucht
Geformte Attrappe meiner Einbildung
Ein grell schimmernder Engel
Der mich erblinden lässt, seit seine Worte
Übersetzt In meine Sprache Liebesworte sind
Und jeder Blick, jede Geste und jede Lüge
Übertragen Hoffnung heißen, und dort
Wo niemals Hoffnung war, ausfüllen
All die ausgeträumten Räume mit Sinn
Glauben und jener einzigartigen Liebe
Die ich Immer dann neu erfinden muss
Wenn in sich verdreht  die Pupille
Nicht sehen will  was das Auge befielt
In Richtung Elend und das Ohr taub
Vom fremden Geschwätz singen lässt
Die Erinnerung aus dem Buch
Der schönsten Lieder
Deinen Namen

 

sonett

Veröffentlicht am 00:15, 02/09,2010


Verloren  bist du, in allem was ich denke

Besessen einfach und verwegen kompliziert

Ein  Altruismus  dessen, wohin ich dich lenke

Als  Signal, das funkelnd dunkle Wege orientiert   

Als Reich, als Macht und als das Gewissen

All meiner leer geträumten Bilder Fülle

Als  Ausmaß dessen, was nicht umrissen

Passieren kann den Weg als fester  Wille

Alles in einem und  immer in allem zu sein

Mal Güte, mal Hass und ein Garten voller Rosen      

Dann wieder nur  Blüte und der Verlass aus losen

Eiden, die ich schwor, jahrzehntelang für dich allein

Tanzt verloren abgesperrt auf einer Linie

Festgemacht an dir, heimatlos die  Liebe



 

Unterwegs

Veröffentlicht am 19:05, 02/08,2010

Noch sehe ich den Tag als ich dich verließ

Als einen wirklich großen an

Ich sehe dich dann wieder

Abgewand an meiner Seite sitzen

Sehe dich und dein nicht Nachsehen zum Abschied

und das meine Herzfehler ein behebbarer ist

So, wie das Vergessen ein Gepäckstück

Auf dem Fließband der Zeit

Zwischen Stunden Flügen Zügen

Und Autobahnreisen

Zwischen fremden Betten

Und denen daheim

Zwischen Kunststoff- Perücken

Und dem Echthaar wechselnder Hostessen

Sehe ich dich und die Welt glücklich

An meiner Nüchternheit ertrinken

Und nur manchmal noch

Wenn ich die Augen schließe

Bin ich blind genug das große Hotel

In dem jedes Zimmer auf dich wartet.


 

UNWETTERWARNUNG I (2008)

Veröffentlicht am 15:11, 02/07,2010

Tirol  hatte ich immer gehasst. Und obwohl ich die Gegend in und um Tirol allein der hohen Berge wegen und der damit verbundenen Enge bisher grundsätzlich gemieden habe und lieber an Meer gefahren bin  oder in irgendeine südeuropäische Metropole, sitze ich jetzt - in diesem Moment des Schreibens- in der Mitte von Tirol, und so wie ich es in meinen schlimmsten Träumen immer befürchtet hatte, ganz und gar in dieser Mitte  fest. Denn es ist Winter und die erste Januarhälfte gerade eben überschritten. Ein scheußlicher Sturm ist aufgefahren und Wind presst meterhoch Schnee und Eis gegen das Holzwerk der Hütte, in der ich seit Stunden eingeschlossen bin und schreibe. Die Zufahrtsstraßen sind gesperrt. Die Telefonleitungen unterbrochen. Eine drahtlose Kommunikation  findet nicht statt.  Selbst die Lebensfreundin, der ich das ganze Unheil verdanke, ist der Unwetterwarnung wegen ausgeblieben. Eine paradoxe Situation  zweifellos,  dass diese die Berge liebende Lebensfreundin nicht nach Kelchsau gefahren ist, während ich, der nicht nur diese, sondern  die Berge an sich immer gehasst hat, selbst unter den widrigsten Witterungsbedingungen  nach Kelchsau fuhr und damit, gegen jegliche seiner  Überzeugungen vom Anfang an in sein  Lebensunglück fahren musste, denke ich in der Hütte sitzend und das es wohl nie mein Plan gewesen ist, hier allein ohne die Lebensfreundin eingesperrt zu werden.   Dabei hatte ich mir dieses Alleinsein lange gewünscht. Fern der Berliner Menschenmasse wollte ich sein und darüber nachdenken, wie Liebe und Lebensfreundschaft, Wahnsinn und Vernunft sich mit meiner Existenz  verbinden ließen. Mein ganzes Leben wollte ich auf den Kopf stellen. Neu ordnen die Dinge und mich selbst.  Nur eben nicht in den Bergen und nicht in Kelchsau, sondern in Portofino am Meer.  Über Milano nach Portofino wollte ich fahren und einzig der Lebensfreundin zur Liebe, mich  für ein kurzes klärendes Gespräch auf Kelchsau einlassen. Jetzt aber sitze ich nicht Portofino am Meer, sondern in Kelchsau und bin unfähig mich aus dem Kelchsauer Hochgebirge heraus zu bewegen. Dabei wäre ich doch jetzt schon froh, wenn schon nicht nach Portofino, dann wenigstens in die verhasste  Menschmasse Berlins zurückzukehren,  denke ich,  und das es ja kurios ist, sich immer dann nach dem Schutz der Masse zu sehnen, wenn man ganz allein auf sich gestellt , nicht nur den Naturgewalten, sondern auch der eigenen Person völlig schutzlos gegenübersteht. Mein Leben lang  habe ich die Menschenmassen  gehasst und die Menschaufläufe grundsätzlich  gemieden,  mein Leben lang mein Weltbild daran orientiert, nicht ein Gefangener der Masse zu sein, um jetzt  4 Stunden nach meiner Ankunft im Kelchsau, dieses   Weltbild zu kippen. 4 Stunden Kelchsau und mein Weltbild hat sich auf den Kopf gestellt, denke ich, und dass es vielleicht doch an den Bergen liegen müsse, dieser Umschwung,  an Kelchsau und dem abscheulichen Sturm, der jetzt noch viel heftiger geworden ist. Schaurig  zischt sein Lied durch  das gefugte  Spaltmaß der Hütte. Dumpf poltert das Gebälk der Dachkonstruktion. Die Fensterscheiben vibrieren. Ein Luftzug transportiert den Rauch der Zigarre durch den verstockten Raum. An der Tür hängt ein Rosenkranz. Zur Ablenkung schalte ich das Fernsehgerät ein.


II


 

Gedichte von Stephane Mallarme

Veröffentlicht am 15:44, 02/05,2010

Der Schwan

 

Ein Tag so jungfräulich, lebendig, schön wie heute:

Bricht er uns nun das Eis, mit trunknem Flügelstreif,

Des Sees, der jeden Flug im Gletscher unterm Reif

Wie alles, was nicht floh, verschlang als freie Beute?

 

 

Ein alter Schwan, noch weiß er, wie`s ihn damals reute

Dass er in seiner Pracht nichts tat, sich zu befrein,

Zur Lebensweite fiel kein Ruhmeslied ihm ein,

Da unfruchtbar und öd der blanke Winter dräute.

 

 

So bebt zuletzt sein Hals in weißer Todesnot,

die Ihm der Raum, den er zu lange mied, bereitet

Und nicht der Todesgrund, der seine Glieder bannt.

 

 

Gespenst, das eigener Wahn an jedem Platz gebot

Sich aus Verachtung selbst in kalte Starre leitet –

Als Sternenbild Schwan in fernstes Niemandsland

 


 

Frankfurt Oder 2005

Veröffentlicht am 15:56, 02/03,2010

 

Manchmal bebt irgendwo in der Welt die Erde

Und so wie die Erschütterung durch deine Knochen reist,

Glaubst du hier mitten im Zentrum zu stehen,

Allein der Stille und Bewegungslosigkeit wegen,

Die dich umgibt, seit du hier ansässig bist

Und unterwegs auf den immer gleichen Wegen

Jede Bewegung erfahren musst von außen. 


 II

Die Erinnerung an Kleist ist ein Fremdpartikel

Das von der Autobahn kommt, im Parkhotel wohnt

Und schnell wieder verschwindet, als ein Gedanke

Der nicht hierbleiben will, so wie das Denkmal

Hier bleiben muss, das Geburtshaus hier bleibt

Und auch der Platz seines Namens

vom Unrat täglich gesäubert

Seinen Ort verfehlt hat.


III 

Das Elend der Nacht beginnt zwischen zehn und elf

Wenn der Abend hoffnungslos zu Grunde geht

Wo die Grenzfahnen wehn und Mausolen stehen

Leer als Bar oder Kaffeehaus herum.

 

Dann ist guter Rat teuer und für kein Geld der Welt

Tanzen die verlorenen Feen dir den Tango mortale

Aus den Ballsälen der Erinnerung, die einsam

Verhimmelt in den über die Oder ziehenden Nebel

 

Dort wo der Horizont geschwärzt ist mit einem Bild

Das Porcelina dir zum Abschied in die Augen schreib

Als das Ende der Welt noch offen war und nicht hier

Auf dem Asphalt dieser Stadt schrieb seinen Namen.


IV

Ganz trocken und rauh

Wie eins Aspirin auf der Zunge

Als zeriebener Staub Bitternis erzeugt

Hat sie mich verpulvern lassen

 

Zwischen den Fleisch-Feilen und Schnaps

Ist nur der Staub kristallisierter Samen geblieben

Ein Wölkchen Freiheit, das auserkohren war

An der Fackelnaht ihres Schoßes zu explodieren.

 

Jetzt, da allles vorbei ist, hängt die Wanduhr

Schief und auch das Wasserglas ist leer

Wie das  verweste  Stück Hirn

Das mich erinnern sollte an Liebe

 

Denke ich und trinke einen Wodka

Der mich auch nicht wirklich weiterbringt

Als bis an die Tür mit dem Heideggerposter

Vor der die Oder fließt die faulen Gedanken

                                        zurück an die See

 



 

Gestorben lebst du (1991)

Veröffentlicht am 15:47, 02/02,2010

Gestorben lebst du

Gesunken als Hoffnung

Gestrandet im Sperrbezirk der Gewissheit

Jetzt da der letzte weiße Fleck deiner Karte

Benannt jeder Schatz seiner Insel entnommen

Die Zierde der Glasvitrinen ausmacht

 


 

Gedichte von Paul Verlaine (1844 -1896)

Veröffentlicht am 09:54, 02/01,2010

Pensionsfreundinnen

 

Mit fünfzehn schlafen sie, mit sechzehn Jahren

Im selben Zimmer der Pension die beiden;

War ein Septemberabend schwül zum Schneiden;

Blauäugig, erdbeerrosig, ach, sie waren

 

So schmächtig! Lassen plötzlich alles fahren

Das Hemdchen, ambraduftend, feinste Seiden

Die jüngste reckt sich, spürt, wie Hände gleiten

An ihre Brust, und küssend sinkt in wahren

 

Ekstasen auf die Knie die Ältere und

Presst den Kopf auf ihren Bauch , den Mund

Durchs blonde Gold zu ihrem Schattengange;

 

Derweil zählt an den Fingerchen das Kind

Die Walzer ab, die ihr versprochen sind,

In Unschuld lächelnd mit der Rosenwange.


 

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